Heldendichtung im Spätmittelalter
Ghislaine Grimm

Heldendichtung im Spätmittelalter

Überlieferungsgeschichtliche Studien zu den skriptographischen, typographischen und ikonographischen Erscheinungsformen des »Rosengarten zu Worms«
Band 22 der Reihe Imagines Medii Aevi. Interdisziplinäre Beiträge zur Mittelalterforschung

ISBN 978-3-89500-604-3
2009, Leinen. 520 Seiten, 240 x 170 mm, 22 s/w Abb.

68,00 €

Beschreibung
 

Die Studie widmet sich einem Werk der späten Heldendichtung, dessen lange Tradierungsdauer es für einen überlieferungsgeschichtlichen Ansatz prädestiniert. Obwohl überlieferungsgeschichtliche Paradigmen in der Forschung bereits seit längerer Zeit angewendet werden, existiert eine überlieferungsgeschichtliche Literaturgeschichtsschreibung, die ein Werk nicht nur in seiner Entstehungszeit verortet, sondern die weitere Tradierung und unterschiedliche Gebrauchskontexte mit einbezieht, bisher nur in Ansätzen. Welche methodischen Wege und praktischen Möglichkeiten für eine solche Betrachtung generell bestehen, versucht diese Arbeit auszuloten. Damit greift sie über den behandelten Einzeltext hinaus und will praktische Anregung zu einem modifizierten Verständnis von Literaturgeschichtsschreibung im Sinn der Überlieferungsgeschichte sein. Der Text, der dabei als paradigmatischer Forschungsgegenstand dient, ist die Geschichte um die hochmütige Kriemhild, die Dietrich von Bern nebst seiner Recken zum Kampf gegen ihre Helden herausfordert. Dieser in seinem groben Handlungsaufriss eher schlicht wirkende Text, der die Ereignisse rund um die Herausforderung selbst sowie die zwölf Reihenkämpfe schildert, erfreute sich bei mittelalterlichen Lesern über einen Zeitraum von 300 Jahren (vom späten 13. bis ins späte 16. Jahrhundert) einiger Beliebtheit, die allein aus seinem Inhalt heraus aus heutiger Perspektive schwer erklärbar erscheint. Mit Hilfe eines überlieferungsgeschichtlichen Ansatzes, der seinen Ausgangspunkt im Sinne der „material philology“ bei den Handschriften selbst sucht, lässt sich klären, was die Popularität des Textes ausmachte. Ausgehend von der Materialität der Handschriften und Drucke, von der Wirkung der Texteinrichtung sowie den Aussagen der Überlieferungskontexte und Illustrationen entwirft die Arbeit ein Bild von den unterschiedlichen Wahrnehmungs- und Rezeptionsmöglichkeiten des ‚Rosengarten’ im Laufe seiner Überlieferung. Dabei ist das gezeichnete Bild vielfältig, da sich die Rezeption des Textes in drei unterschiedlichen Medien, der Handschrift, dem Druck und der Illustration manifestiert. Im sich wandelnden Umgang, der zeigt, dass der Text sich für ganz unterschiedliche Zwecke instrumentalisieren ließ, liegt auch die Antwort auf die Frage begründet, warum der Text über eine so lange Zeit beim Publikum beliebt war. In seiner späteren Rezeption wurde er nämlich keineswegs als Vertreter der Gattung Heldendichtung verstanden, sondern als Text, der ganz unterschiedliche Deutungsmöglichkeiten zuließ. Die verschiedenen mittelalterlichen Lesarten des Textes reichen vom Exempel negativer weiblicher Machtausübung bis hin zum Kampftraktat und sind damit weitaus vielfältiger als die Literaturgeschichtsschreibung mit ihrer die Einordnung des Textes als spätmittelalterliches Heldenepos bisher deutlich machen konnte.

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